Wer Englisch lernt, lernt keine Fälle. Und doch versteht jeder Englischsprecher problemlos Sätze, die im Deutschen Akkusativ und Dativ unterscheiden müssen. Das ist kein Mangel des Englischen, sondern ein Schlüssel zum Verständnis von Sprache überhaupt.
Drei einfache Sätze – eine große Erkenntnis
Betrachten wir diese drei englischen Sätze:
- She teaches the children.
- She teaches music.
- She teaches the children music.
Im Deutschen werden sie ganz selbstverständlich unterschiedlich übersetzt:
- Sie unterrichtet die Kinder.
- Sie unterrichtet Musik.
- Sie unterrichtet den Kindern Musik.
Im Deutschen entstehen hier Akkusativ, Dativ und eine klare Unterscheidung zwischen Empfänger und Inhalt. Im Englischen dagegen bleibt alles formal gleich.
The children ist immer the children. Music ist immer music. Es gibt keine grammatikalische Markierung, die sagt: „Das ist jetzt Dativ.“ oder „Das ist jetzt Akkusativ.“
Objekt ja – Kasus nein
Zwar spricht die englische Grammatik von objects, also von direct object und indirect object. Doch object ist im Englischen keine Kasus-Kategorie, sondern eine Funktionsbeschreibung. Ein object ist schlicht eine Entität, die an einer Handlung beteiligt ist, ohne sie selbst auszulösen.
Ob diese Entität im Deutschen später Akkusativ, Dativ oder etwas anderes wird,
entscheidet nicht die englische Grammatik, sondern allein der Sinnzusammenhang.
Bedeutung kommt zuerst – Grammatik folgt (manchmal)
Im Englischen entsteht der gesamte Bedeutungsunterschied ausschließlich aus
der Bedeutung der Handlung (teach = vermitteln), dem Weltwissen (Kinder lernen Inhalte) und dem Kontext (Unterricht, Schule, Rolle der Beteiligten).
Die Reihenfolge ist also:
- Sinnstruktur der Handlung
- Beteiligte Entitäten und ihre Rollen
- optionale grammatische Markierung in manchen Sprachen
Deutsch geht diesen dritten Schritt. Englisch nicht. Und trotzdem funktioniert die Sprache Englisch auch ohne grammatische Markierung perfekt.
Der große Denkfehler des klassischen Grammatikunterrichts
Der traditionelle Fremdsprachenunterricht suggeriert oft, man müsse zuerst die Fälle lernen, um den Satz zu verstehen. Das Englische zeigt unmissverständlich: Das Gegenteil ist wahr.
Man kann Bedeutungen, Rollen und komplexe Handlungsketten vollständig verstehen, ohne irgendeinen Kasus zu kennen. Kasus sind keine Voraussetzung für Sinn. Sie sind eine mögliche sprachliche Übersetzung von Sinn.
Warum das für den Deutschunterricht entscheidend ist
Für Lernende aus Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Japanisch oder Ungarisch sind deutsche Fälle kein bekanntes System, sondern eine fremde Codierung.
Wer erklärt: „Das ist der Dativ“, ohne zuvor zu klären, wer etwas bekommt, wer betroffen ist oder welche Rolle eine Person im Geschehen spielt, überfordert Lernende zwangsläufig.
Die eigentliche Lehre aus dem Englischen
Englisch beweist: Sprache funktioniert über Sinnrollen, nicht über grammatische Etiketten. Erst wenn klar ist, wer handelt, was geschieht, wer beteiligt ist und in welcher Beziehung diese Entitäten zueinander stehen, können grammatische Markierungen überhaupt sinnvoll verstanden werden.
Kernthese
Englisch kennt Objekte, aber keine Objektfälle. Die Unterscheidung entsteht nicht grammatikalisch, sondern ausschließlich aus dem Sinnzusammenhang.
Und genau deshalb gilt: Wer Deutsch unterrichten will, muss Sinn erklären – nicht Fälle.